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WTF ist ein Zine? Das ist mein Medium!

vor 20 Stunden
6 Min. Lesezeit

Zines und ich, wir kennen uns schon lang. Als Jugendliche habe ich in einem Jugendzentrum in Wr. Neustadt (60km südlich von Wien) gearbeitet und jede freie Minute verbracht. Es war ein Ort für Außenseiter. Jeden Freitag und Samstag gab es Punk-Konzerte. Und während andere mit fünfzehn Jahren an den Wochenenden mit ihren Eltern Ausflüge machten, arbeitete ich am Einlass, hinter dem Tresen oder in der Küche, verkaufte Tickets, öffnete Wieselburger Flaschen und kochte vegane Eintöpfe für zwanzig Personen. Meine jugendlichen Jahre waren geprägt davon, Punkbands durch Österreich auf Konzerte zu begleiten und Merchandise zu verkaufen. Ich habe in wenigen Jahren hunderte Konzerte gesehen und dort einen Ort für mich gefunden.


Dort wo es am lautesten ist. Wo mein Kopf für ein paar Stunden keine Chance hatte, mich mit seinem Gedankenkarussell einzunehmen.

Ich war im Moment, bei der Musik, entweder in der Menge oder allein am Merchandise-Stand oder der Bar. Bei Hardcore-Konzerten kamen mir zum ersten Mal Zines unter. Ich hatte die Band meines damaligen Freundes nach Graz begleitet und kam mit der anderen Merch-Person am Stand ins Gespräch, die mir ein paar Zines zeigte. Und schon damals wusste ich: Das ist es! Ich war fasziniert von den aktivistischen Positionen in kleiner Mini-Heftform. So einfach zu machen. So roh. So unmittelbar.Zusammengeschustert und kopiert, um die Message schnell und unkompliziert zu verbreiten. 


Quelle: Pinterest
Quelle: Pinterest


Jahre später studierte ich Kunstgeschichte. Ich rasselte drei Mal durch meine Maturaprüfung und nach dem vierten Mal, und einem zusätzlich verstrichenen Jahr, indem andere ehemalige Klassenkolleg*innen bereits die Hälfte ihrer Ausbildung fertig hatten, stand ich vor der Frage, was nun? Ich hatte keine Ahnung wohin mit mir. Alles, was ich wusste, war, dass ich immer schon kreativ war, Musik liebte und Kunst faszinierend fand. Aber ich hatte keine Ahnung vom Studieren. In meiner Familie hatte noch niemand studiert. Völlig unbedarft entschied ich mich für das Studium der Kunstgeschichte und quälte mich jahrelang durch Lehrveranstaltungen, bei denen mir die Basics an Wissen fehlten oder die mich zu Tode langweilte. In dieser Zeit lernte ich zum Glück Menschen kennen, die glücklicherweise immer noch Teil meines Lebens sind. Relativ schnell hatte ich versucht Kontakt zu knüpfen, weil ich begriff, dass ich allein hier aufgeschmissen war. Ich kannte den Unterscheid zwischen Proseminaren, Seminaren und Vorlesungen nicht, verstand die sozialen Codes nicht und hatte enorme Prüfungsangst. Diese Gruppe an Menschen war mein sozialer Halt, mein Netz, mein neuer sicherer Hafen. Und eines Tages lernte ich neben Renaissance, Barock und Gotik plötzlich Fotojournalismus, Dada, Konzeptkunst, die Situationisten und Guerilla Art kennen.


Auf einmal wurde es spannend für mich.


Guerrilla Girls, 1989
Guerrilla Girls, 1989

Ich erinnerte mich wieder an meine Zeit im Jugendzentrum, auf den Konzerten, auf Tour. Ich verbrachte viel Zeit mit den Büchern von Keri Smith, einer kanadischen Autorin (Wreck This Journal, How to be an Explorer of the World, This is Not a Book, The Guerrila Art Kit) und gemeinsam mit meinen Friends zerstörte ich Buchseiten, sammelte Müll, das in das Buch eingeklebt wurde oder zog es über hundert Meter durch den Dreck. Um nur ein paar der durchgeknallten Handlungsanweisungen Keri Smith zu nennen. Wir hatten den Spaß unseres Lebens. 




2012 ging ich nach Berlin. Ich hatte einen Erasmus-Platz in der Stadt bekommen, in der ich mir immer gewünscht hatte, einmal zu leben. Aus dem einen Erasmusjahr wurden es insgesamt zehn Jahre. Fünf wunderbare Jahre voller Kreativität und Experimentieren. Ich organisierte Ausstellungen und stellte in einigen auch meine Fotografien aus. Ich hatte endlich einen Raum für meinen künstlerischen Ausdruck gefunden. Ein unfassbares Privileg. Aber was ich ausdrücken wollte, kam mir immer mehr abhanden. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt bereits fünfzehn Jahre Gastronomie auf dem Buckel und merkte, dass ich das nicht mehr weiter machen wollte und körperlich nicht mehr konnte. Da ich während meiner Zeit am Kunstgeschichte-Institut in Wien eine Pause für eine Fotografie-Ausbildung eingelegt hatte, wollte ich versuchen, jetzt eine Stelle in dem Bereich in Berlin anzunehmen. Das war zwar kein leichtes Unterfangen, aber irgendwann war da dieses Angebot. 42h/Woche im Fotostudio, Fließbandarbeit, Mindestlohn. Für mich war das damals viel Geld und eine große Chance, endlich in dem Bereich hauptberuflich tätig zu sein, der mich von klein auf interessiert hatte. Es war mein erster Vollzeitjob, an harte Arbeit (auch an Wochenenden und Feiertagen) war ich gewöhnt. Was sollte schief gehen?  


Ich verlor meine Kreativität. 


Ich arbeite zwar fast täglich als Fotografin, aber hatte zeitlich und durch dienstliche Vorgaben keinen Spielraum für kreative Ideen. Alle Bilder sollten gleich aussehen, den Stil des Studios widerspiegeln und die Kund*innen zufrieden stimmen. Nach fast vier sehr herausfordernden Jahren in diesem Job war ich innerlich leer. Ich hatte keine Ressourcen, war ausgebrannt und für Kreativität hatte ich keine Zeit, keine Kraft und keinen Raum mehr. Es sollte noch vier Jahre dauern, bis ich nach meiner Burnout-Diagnose durch den Job wieder den Mut für Kreatives finden würde.


Ich machte mich selbständig, zog nach Wien zurück und dort waren plötzlich einige Menschen an meiner Seite, für die es selbstverständlich war, sich regelmäßig kreativ auszudrücken. Einfach machen! Scheißegal, was dabei rauskommt. Das überforderte mich und faszinierte mich zugleich. Ich merkte schnell, wie sehr mir das gefehlt hatte. In meine Fotos hatte ich bereits Künstlerisches einfließen lassen, viel freier und kreativer arbeiten können als in meinem Angestelltenverhältnis. Aber etwas Künstlerisches für mich zu machen war eine echte Herausforderung. Ich probierte alles Mögliche aus. An Interessen und Hobbies fehlte es mir grundsätzlich nicht. Ich fing nach Jahren wieder an zu zeichnen. Ich probierte mich im Linolschnitt aus. Ich machte mit einer Freundin Collagen. Und ich liebte es! Mein spark war zurück und ich traute mich wieder, einfach loszulegen, einfach zu machen. 


Und dann war es auf einmal wieder da: Nach zwanzig Jahren hielt ich plötzlich in einer meiner Lieblingsbuchhandlungen ein Zine in den Händen. Ich hatte in den Jahren zuvor mitbekommen, dass diese Form des Self-Publishing einen aktuellen Trend erlebte. Mein Pinterest-Feed war voll damit und ich hatte auch schon diverse Ordner mit Inspiration angelegt. Aber erst als ich dieses Zine in den Händen hielt und mich wieder an meine Zeit im Jugendzentrum erinnerte, war es mir klar:


Das ist mein Medium!

Dort führt alles zusammen, was mich umtreibt. Vom Punk zum persönlichen Tagebuch. Vom Aktivismus zur Fotosammlung. Vom Bild zum Text zur Collage. Von den grafischen Techniken aus dem Dadaismus, die mich immer faszinierten zu den Handlungsanweisungen von Keri Smith hatte hier plötzlich alles Raum. Alle meine quirky Hobbies und Nischeninteressen konnte ich hier zusammenführen. 



Feminine Hysteria von Isabel Aguanell (Platonic Archive Collective); Das Brave Mädchen Zine von Selbstbedienung; Zines von mir: Was ist Schön?, Ode an Mich, Eine schöne neue Welt, Späte Rache und A Beautiful Thing;


Es machte also nur Sinn, dass ich mit diesem Medium nicht nur privat arbeite, um Klarheit in meinen Kopf zu bekommen, Trauer zu verarbeiten oder meinen momentanen Blick auf die Welt festzuhalten. Ich wollte unbedingt einen Kurs anbieten, um das Gestalten, die spannende Geschichte der Zines und die Freiheit des Selbstpublizierens mit anderen zu teilen. Und wie es der Zufall so will, hatte meine geschätzte Kollegin Gerlinde Schwarz zur gleichen Zeit zum Zines-Machen gefunden. Wir hatten bereits einen gemeinsame Foto-Schreib-Workshop namens “Ich bin.” geplant und bislang einfach noch nie darüber gesprochen, wie groß unsere Faszination gegenüber den Zines ist. Ohne mit der Wimper zu zucken, konzipierten wir einen Fortsetzungskurs zu unserem “Ich bin.” Workshop, in dem die Teilnehmer*innen aus ihren eigenen Text(-schnipseln) und Fotos ihr persönliches Zine kreieren konnten.


Im Oktober letzten Jahres war es so weit. Der Kurs war grandios! Ich konnte trotz meines abgebrochenen Kunstgeschichte-Studiums eine kleine kunsthistorische Einordnung in das Self-Publishing mit Zines geben, Literatur und Zinebeispiele präsentieren, es gab viel Raum für Inspiration und Input zu Collagen-Techniken und am Ende ausreichend Zeit zum Gestalten. Und ich habe es geliebt! Beim Gedanken daran glänzen meine Augen sofort. So viele Frauen in einem Raum, jede für sich und doch in Gemeinschaft, am kreativen Schaffen und komplett im Fokus. Manche gestalteten Seite für Seite. Manche breiteten das Zine als A4-Seite auf und klebten so darauf los. In jedem Fall gab es am Ende einen Moment des Zusammen- oder Auseinanderfaltens, an denen alle im Raum leise “Wow!” flüsterten. Weil dieser Moment, wo alles im Zine zusammenkommt immer ein besonderer ist.


Corinna Radakovits, Späte Rache Zine
Corinna Radakovits, Späte Rache Zine

Egal wie politisch, aktivistisch, persönlich, künstlerisch, bunt, schwarz-weiß, voll oder leer das Zine ist, egal welche Technik benutzt wurde, wieviele Bilder und wieviel Text sich darin befand, es war ein Ausdruck der Person zum jetzigen Zeitpunkt. Und es machte für alle so viel Sinn, dieses Ergebnis zu sehen, auch wenn wir selbst immer einen anderen (meist kritischeren) Blick auf unser Werk hatten, als andere. Der finale Austausch war ein absoluter Segen. Jede von uns brachte ihre eigene Perspektive auf die Zines ein, und das auf eine so wertschätzende und aufmerksame Art, dass sowohl die Teilnehmerinnen, als auch wir Kursleiterinnen ganz bereichert und beseelt den Ort verlassen haben. Es war mit Abstand der schönste Workshop, den ich in fünf Jahren gehalten habe!


Corinna Radakovits, Ich bin. Zine aus dem gleichnamigen Kurs, gefaltet/ungefaltet in A3, 2025



Am 10.10.2026 von 10-13.00 ist es wieder soweit und unser Zine-Workshop geht in die zweite Runde. Wenn du bei diesem Magic Moment dabei sein willst, meld dich gerne hier an. Du benötigst keine Vorkenntnisse und kannst auch ohne eigenes Material teilnehmen. Wir sorgen für eine Grundausstattung aus A4-Bögen, Magazinen, Büchern, Bild- und Textmaterial und allem was das Herz begehrt. 





Nimm all das, was dich gerade umtreibt, pack deine Gefühle, deine Wut auf die Welt, deine Gedanken zu aktuellen Geschehnissen und/oder deine Vorliebe für kreatives Schaffen in ein Zine. Du wirst staunen, wie befreiend es sich anfühlen kann!






 




 
 
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