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Der sprunghafte Frühling & wie ich meinen Ärger aktuell loswerde

CN: In diesem Artikel geht es um Gewichtsdiskriminierung. Achte beim Lesen gut auf dich.  

Der Frühling ist da. Oder doch nicht? Jedes Jahr aufs Neue liege ich dem Trugschluss auf, der Frühling würde sich smooth anbahnen, es würde peaux à peaux wärmer werden und wir hätten einen fließenden Übergang vom Winter zum Sommer. Stattdessen hatten wir dank des Klimawandels bereits im März eine kurze sommerliche Episode und seither mit etlichen Kälteeinbrüchen zu kämpfen. Und wir hadern, weil es uns schwer fällt zu akzeptieren, dass im Leben nichts so smooth läuft, wie wir uns das wünschen. 


It comes in waves.

Und so leider auch der sprunghafte Frühling. Einerseits liebe ich diese Zeit, weil alles zu sprießen beginnt, die Welt wieder bunter wird, es von allen Seiten nach Blüten riecht und das Leben sich mehr und mehr nach draußen verlagert. Und doch schau ich mich in meinem Freund*innen- und Bekanntenkreis um und bemerke, wie der Stress wieder mehr, der Terminkalender voller und die Kapazitäten nach einem kurzen Aufflammen der Freude und Motivation immer weniger werden. Jetzt schon! Ich habe das Gefühl, dass zwischen Ostern und den Sommerferien die stressigste Zeit des Jahres liegt. Und um ehrlich zu sein, fühlt es sich bereits seit der Schule so an. Wie schade, wo es doch jetzt am schönsten ist, in der Sonne zu liegen und zu lesen, Eis zu essen oder mit den Liebsten Ausflüge zu machen. 


Foto: Corinna Radakovits
Foto: Corinna Radakovits

Wie gerne lasse ich mich vom Frühling treibe und springe motiviert und voller Tatendrang durch diese cute Zeit! Ich mag es, wenn alles an Fahrt aufnimmt, ich wieder mehr unter Menschen bin, man einen erweiterten Lebensraum draußen hat, und auch, dass der Kalender für einige Zeit gefüllter ist – vor allem, weil das für mich als selbständige Person immer mit einem finanziellen Sicherheitsgefühl verbunden ist. Wenn da nicht die emotionalen und körperlichen Achterbahnfahrten wären, die es mir seit dem “offiziellen” Frühlingsbeginn erschweren, mich über die Frühlingsvorzüge zu freuen. Im Hintergrund passieren einige emotional aufwühlende Entwicklungen, die ich nicht näher ausbreiten möchte. Ich will aber, dass es dasteht, um die Realität ein klein wenig besser abzulichten. Auch wenn mir bewusst ist, dass ich immer nur kleine Snippets von mir zeigen kann. Dazu kommt, dass ich in der Übergangszeit von Winter zu Sommer häufig Verschlechterungen meiner Symptome der chronischen Krankheit habe. Und als würde das momentan nicht reichen, habe ich zwei Monate lang versucht, eine Diagnose für meine Knieverletzung zu bekommen. Als mehrgewichtige Person ist es nie einfach bei Ärzt*innen zu sein - ganz grundsätzlich. Erst neulich hat mein Knie nicht in den Apparat des MRT-Geräts gepasst. Und erst nachdem zwei Personen gewaltvoll versucht haben, mein Bein dort hineinzustopfen, die Haut meines Knies eingeklemmt wurde, und ich zu verstehen gegeben habe, wie unangenehm das ist, schafften sie es, sich einzugestehen, dass es nicht geht. Danach folgte ein aufwendiger Umbau und das gesamte Verhalten hinterließ bei mir das Gefühl, dass ich wieder einmal zu viel bin für diese Welt. Das macht etwas mit mir. Egal wie gut ich heutzutage zu mir und meinem Körper bin, wie sehr ich mich in Selbstliebe übe und für mich einstehen kann. Gerade in einer Zeit des “Shrinkings” hinterlässt das noch mehr Spuren als noch vor einigen Jahren.


Foto: Corinna Radakovits
Foto: Corinna Radakovits

 

Von diesem Termin völlig verstört und wie ein Häufchen Elend konnte ich mir zumindest auf eine Art verhelfen: darüber zu schreiben. 


Schreiben hilft mir. Ich verarbeite Geschehenes und schaffe es auch akut, mich emotional aus Situationen rauszuziehen, die gerade unangenehm waren und mit Stress-Situationen umzugehen. 

Auch wenn aktuell also leider kein körperliches Springen durch den Frühling möglich ist, bin ich sehr froh darüber, emotional große Sprünge hinzulegen und dass das Schreiben mir dabei so hilft. 


Foto: Corinna Radakovits
Foto: Corinna Radakovits

In einem Kurzurlaub in München vor ein paar Wochen habe ich völlig intuitiv ein neues Schreib-Tool für mich entdeckt, das ich ab sofort für akute Momente der Anspannung nutzen möchte. Ich war allein auf Reisen, habe vor Ort viele liebe Menschen getroffen und insgesamt eine ganz wunderbare Zeit verbracht. Nachdem ich die meiste Zeit allein war, konnte ich mich in meinem Tempo und nach meinen Bedürfnissen durch den Alltag navigieren. Ich verbrachte viel Zeit mit Lesen und wenn es im Zug oder im Gastgarten des Restaurants zu laut wurde, stieg ich auf das Schreiben um. 


Ich versuchte, beobachtend zu schreiben. Autoaufschriften wie “Basti Fantasti” oder die Zeile “Das ist unser Haus!” aus dem Ton, Steine, Scherben-Song aus dem vorbeifahrenden Auto, waren nur ein paar Highlights dieser Situationen. Aber ein Werkzeug war besonders hilfreich. Sogar meine Therapeutin sprach mir ihr Lob dafür aus, als ich ihr im Nachhinein davon erzählte. Wenn etwas unangenehmes passiert war, zückte ich mein kleines Büchlein, um es aufzuschreiben. Ich zeichnete entweder minutiös den Hergang nach, schaute mir besonders genau die Sticker des Laptops der Frau an, die im Zug nicht zu bemerken schien, dass sie mir mehrmals auf die Zehen getreten war und skizzierte bis ins kleinste Detail das Aussehen und Verhalten eines übergriffigen Mannes. Damit nahm ich allen ihre Nervigkeit und ihren Schrecken und mein Ärger löste sich in Luft auf. Das Büchlein ist jetzt immer mit dabei in meiner Handtasche und ich werde mich darin in Zukunft bestimmt öfter üben. 


So be careful, wenn du mich mit meinem rosa Buch siehst. Wahrscheinlich reagiere ich mich gerade ab. :) 


Foto: Corinna Radakovits
Foto: Corinna Radakovits

 
 
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