top of page

0/10, do not recommend


Durch Zeiten der Trauer und des Schmerzes ohne mich selbst aufzugeben  


CN: Tod 


Dieses Jahr challenged mich. Ich habe meine Tools, ich mache seit über zehn Jahren Therapie, ich weiß, was ich brauche und wie ich auf meine Bedürfnisse zugreifen kann. Und trotzdem habe ich mich in den letzten sieben Monaten so gefühlt, als würde ich mich von einer Schreckensnachricht zur nächsten hangeln. Zeit zum Verarbeiten, zum Reflektieren und gut auf mich achten gab es kaum. Dazu eine Knieverletzung, Therapiepause, weil ich nach einer neuen Person suchen musste und ein Körper, der nicht zur Ruhe kommen will. Als wäre er extern, kein Teil von mir. Die Monate waren geprägt von Sehnsucht, Schmerzen und Tod. Keine einfachen Themen, nichts, was man so einfach wegsteckt. Umso schwieriger war es für mich, ohne professionelle Begleitung und ohne meine Bewegungsroutinen durch diese Zeit zu kommen.  


I tried it and I failed. 

Ich konnte zwar weitermachen und äußerlich hat man es mir vielleicht an manchen Tagen gar nicht angesehen, mit wieviel seelischem und körperlichem Schmerz ich gerade anwesend bin. Aber gut war das nicht. 


Wenn man derart am Limit ist, ist es schwer, seine eigenen Bedürfnisse zu hören und danach zu reagieren. Ich stürze mich in Extremsituationen häufig leider immer noch in Arbeit, um mich abzulenken, bemerke es aber erst Wochen oder Monate später. Ich rede mir ein, wie wichtig diese Aufgaben gerade sind, bin so gut darin, Dringlichkeiten noch dringender aussehen zu lassen, weil dieser Stress, dieses Gestresst Sein ein Modus ist, den ich nur ach zu gut kenne. Und in dem ich mich auf eine gruselige Art wohlfühle, weil er mir so bekannt ist. So habe ich es mir über Jahrzehnte antrainiert. Und es zu verlernen wird wohl eine lebenslange Aufgabe für mich sein. Obwohl ich mich nicht nur in meinem privaten Alltag, sondern sogar in meinen Kursen und meinen Fotoshootings gefühlt ständig mit der Frage der Bedürfnisse beschäftige, ist es schwer. 


Nun war ich diese Woche bereits auf einer Beerdigung. Und nächste Woche erwartet mich eine zweite. Zwei wunderbare Menschen sind gestorben und sowohl die Lebensrealitäten, die Umstände des Todes als auch die Beerdigungen könnten nicht unterschiedlicher sein. Es treibt mich in die Verzweiflung nicht “einfach” nur zu trauern oder es zumindest zu versuchen, sondern auch noch mit den Umständen drumherum zu kämpfen zu haben. Als ich die zweite Nachricht der verstorbenen Person bekam, war ich im Schock. Ich war wütend, in Rage, todtraurig und verzweifelt. Aber gleichzeitig  machte sich auch eine ungewöhnliche Erleichterung breit. Nicht wegen des Todes. Sondern weil ich mich in dem Moment fühlte, als würde jemand meinen Stecker ziehen. Als wäre diese Nachricht dafür verantwortlich, dass mein System so überreizt ist, dass ein Neustart notwendig ist. Und wie ich es von den IT-Personen in meinem Umfeld schon oft gehört haben: Ein Neustart ist meistens die beste Lösung. 


Foto: Corinna Radakovits
Foto: Corinna Radakovits

Mir wurde plötzlich klar, dass ich so nicht weitermachen kann. Ich kann nicht mehr mit diesem Pensum weiterarbeiten. Ich muss anfangen, auf meinen Körper und seine alarmierenden Signale zu hören. Ich muss etwas verändern. Aber auch: Ich kann etwas verändern. Ich bin nicht ohnmächtig und ich will mich wieder um mich kümmern. 


Die schiere Menge an Schreckensnachrichten und herausfordernden Erlebnissen hat mich aufwachen lassen. My system failed. Nichts ging mehr. Ich erinnere mich noch, dass ich zu einer Freundin sagte: “Ich kann nichts mehr halten. Ich habe keine Kraft mehr.” Die Menge an bad news allein war aber bestimmt nicht der Grund für den wake up call. Vielmehr waren es Gespräche mit lieben Menschen an meiner Seite, so unterschiedlich und gerade deshalb so wertvoll. Da kamen Sätze wie “Ich höre, dass da neben all dem Schrecklichen auch ganz viel Liebe ist.” oder “Bitte pass auf dich auf.” oder “Nimm dir den Zeitausgleich so schnell wie möglich. Dir geht es schließlich jetzt schlecht.” oder “Für mich klingt das danach, dass du ein paar Tage für dich allein brauchst, in denen du einmal richtig trauern kannst. Schau den Film, hör die Musik, lies das Buch, das dich zum Weinen bringt und lass alles raus.” und “Du darfst dich krankmelden, Cori.” 


Es war zum Teil schwer diese Sätze zu hören. Und gerade deshalb war es so wichtig, dass jemand sie ausspricht. Ich selbst konnte keine rationalen Entscheidungen mehr treffen, geschweige denn fühlen, was ich gerade brauche. Ich brauchte diese Klarheit, um die Ernsthaftigkeit meiner eigenen Situation zu verstehen. Danke an euch alle, die ihr mir zugehört und diese wichtigen Worte ausgesprochen habt, die mich auf der Apathie rausgerissen haben. Ich bin so froh, euch an meiner Seite zu haben. 


Foto: Corinna Radakovits
Foto: Corinna Radakovits

Der Heilungsprozess meines Knies und wieder Shiatsu eingeplant zu haben, haben zusätzlich dazu beigetragen, dass mein Blick sich wieder auf Positives richtet und es mir in kleinen babysteps ein wenig besser geht. Die Bewegung und die Körperarbeit haben mir so gefehlt, weil sie auf körperlicher, mentaler und emotionaler Ebene wirken. Das wusste ich davor schon, aber es in einer Krisensituation zu erleben, fühlt sich anders an. Als würde es sich in meinen Körper einschreiben und dadurch noch wahrer werden. Erst dadurch gestärkt konnte ich wieder in Aktion treten und mich darum kümmern, wie ich okay durch den Restsommer komme. 


Ich habe meine Überstunden aus dem Brotjob genutzt und mir mehrere Wochen Zeitausgleich genommen, noch ein paar Urlaubstage drangehängt und meinen Kalender so umgebaut, dass ich mehr Zeit für mich habe. Zeit zum allein sein, Ruhefenster, in denen ich reflektieren und verarbeiten kann, was in den letzten Monaten passiert ist. Ich habe wieder begonnen zu schreiben und gemerkt, wie wichtig es für mich ist, frei und beobachtend zu schreiben, aber auch meine Blogartikel zu schreiben, um Ballast loszuwerden. 


Folgende Fragen helfen mir aktuell dabei, mich für den restlichen Sommer zu rüsten: 

  • Was brauche ich in Krisensituationen wie dieser? 

  • Welche Tools besitze ich bereits? Worauf kann ich zugreifen? 

  • Was hilft mir dabei, darauf zuzugreifen? Ist es Bewegung oder bin ich eher im Freezemodus? 

  • Wie schaffe ich es wieder in Bewegung zu kommen? 

  • Hilft es mir zu meditieren oder zum Schlafen Orange Noise anzumachen, um besser durchzuschlafen? 

  • Was gibt mir aktuell Kraft? Ist es die Natur oder ein Besuch im Lieblingsbuchladen? 

  • Habe ich aktuell Kapazitäten, mich viel mit Menschen zu umgeben oder brauche ich Raum und Zeit zum Alleinsein? 

  • Wie reagiert mein Körper? Ich führe ein Körpertagebuch, um meine Symptome besser im Blick zu haben. Das ist als chronisch Erkrankte eigentlich unumgänglich, vor allem in schwierigen Situationen. Manchmal will man aber einfach “normal” sein und scheißt auf diese wichtigen Tools. 

  • Hilft es mir, mich kreativ auszutoben? Wie kann ich ein kleines bisschen Kreativität in meinen Alltag holen? 

  • Schaffe ich es, im Alltag kurz innezuhalten und durchzuatmen? Wenn ja, kann ich diese Momente dafür nutzen, fotografisch festzuhalten, was ich gerade wahrnehme? Das gelingt mir aktuell sehr gut dank meines Fotomentorings, bei dem ich auch versuche mitzumachen und die Impulse zu nutzen, die sich an die Teilnehmerinnen richten. 

 

Was ich nicht will: In mein altes, hektisches Muster fallen und mehr arbeiten, als ich sollte. Die Arbeit als Stressverstärker nutzen. Und darüber eskalieren, was mir gerade nicht gelingt. Ich habe es zum wiederholten Male gemacht.



0/10, do not recommend



Was mir außerdem hilft: Um Hilfe bitten. Nicht nur einmal. Und nicht nur eine Person. Sondern in Krisenzeiten öfters und immer wieder. Das ist die schwerste Übung für mich. Ich habe in den letzten Monaten unzählige Menschen um Hilfe gebeten und mich dabei jedes einzelne Mal gefühlt, als hätte ich die Kontrolle über mein Leben verloren und als würde ich versagen. Ich weiß genau, woher diese Gefühle kommen und woher ich diese Glaubenssätze habe. Ich nehme sie ernst, weil ich weiß, seit wie vielen Jahren ich sie verinnerlicht habe, bis sie ein Teil von mir geworden sind. Und trotzdem denke ich mir heute, wo ich wieder klarer sehen kann: Was für ein bullshit! Ohne diese Unterstützung wäre es mir doch noch viel schlechter gegangen! Und die Konsequenzen daraus will ich mir wirklich nicht ausmalen. 


Foto: Corinna Radakovits
Foto: Corinna Radakovits

Ich bin stolz auf mich, dass ich um Hilfe gebeten habe. Ich bin froh darüber, durch Krisenzeiten nicht allein im Panikmodus zu straucheln, sondern fantastische, liebevolle Menschen an meiner Seite zu haben, die mir beim Navigieren helfen. Ich bin dankbar für die Fokusverschiebung meiner friends, all die Liebe, die neben all dem Schmerz auch da ist, wahrzunehmen. Ich bin erleichtert, dass ich endlich eine neue Therapeutin gefunden habe und dadurch eine wichtige Stütze in meinem Leben zurück ist. Ich trauere, bin wütend und verzweifelt und dennoch spüre ich gleichzeitig, wie wertvoll mein Umfeld ist und wie sehr ich mich gesehen fühle. Dass es Menschen gibt, die mir dabei helfen, wieder hoffnungsvoll in die Zukunft zu schauen, mich halten und mir Raum geben, für alles, was kommt. 

 




 




 
 
bottom of page