Fünf Tage allein mit meinem Kopf – Mein Solotrip in a nutshell
Im Herbst beginnt für mich meistens die Jahresplanung für das Folgejahr. Nun war mein Jahr eher bescheiden. Gesellschaftspolitisch furchterregend, privat herausfordernd, beruflich von allem zu viel innerhalb kürzester Zeit und an der Kursfront eine Welle der Absagen aufgrund von zu wenig Anmeldungen. Blöd für mich, die sich vor allem für dieses Jahr und die Zukunft vorgenommen hatte, mehr Kurse abzuhalten und weniger beruflich zu fotografieren. All diese Unsicherheitsfaktoren und besonders viele Überstunden und freie Urlaubstage im Brotjob haben bereits im Frühjahr dazu geführt, dass ich begann, für den Herbst eine Reise allein zu planen. Mir war zu dem Zeitpunkt schon klar:
Ich muss raus.
Ich brauche Ruhe.
Ich will Klarheit.
Und die bekomme ich in meinem Alltag nicht. Dafür reicht keine Workation, kein freier Tag und auch kein verlängertes Wochenende. Also begab ich mich auf die Suche nach einem passenden Ort. Als chronisch kranke Person war es für mich klar, dass es viele Punkte gibt, die ich berücksichtigen wollte, um mir selbst kein Bein zu stellen und mich in der Zeit möglichst safe zu fühlen. Sechsstündige Zugfahrten mit mehrmaligem Umstieg und dann noch mit dem Bus rauf auf den Berg fielen also weg. Orte, die ohne Auto nicht leicht zu erschließen, weitestgehend über große Steigungen zu erreichen sind und weit weg von zuhause sind, sodass mir ein Abbruch in einer Extremsituation besonders schwerfallen würde, gingen nicht. Für mich gelten andere Standards als für die meisten Menschen. Das ist und bleibt hart zu akzeptieren und forderte viel Geduld mit mir selbst.
Über den Sommer bekam ich langsam Stress und dachte, ich wäre doch schon viel zu spät dran. Bald könnte ich mir die Soloreisepläne in die Haare schmieren. Aber dann bekam ich den besten Tipp meiner lieben Freundin R. Ich schaute mir den Ort auf Airbnb an, war sofort begeistert und buchte direkt ein paar Tage später. Eineinhalb Stunden östlich von Wien, mit dem Zug easy zu erreichen und in der Not nah genug, sollte irgendetwas sein. Top!
Was ist eigentlich mein Wunsch für diese Reise?

Jetzt fing ich langsam an, mir Gedanken über den Zweck der Reise zu machen. Die Menschen in meinem Umfeld fragten mich, ob ich etwas bestimmtes vorhaben würde. Die Frage setzte mich ein bisschen unter Druck, aber führte auch dazu, dass ich mir relativ genau überlegte, was mir wichtig ist, was ich auf jeden Fall und was auf keinen Fall machen, womit ich mich ganz bestimmt nicht auseinandersetzen wollte. Ursprünglich kam die Inspiration von Maria Lorenz-Bokelberg, einer deutschen Podcast-Produzentin. Sie fährt seit einigen Jahren jährlich mit einem Notizbuch voller Notizen aus dem Vorjahr für eine Woche in die Alpen, verbringt dort Zeit allein in der Natur und nimmt sich ihren Gedanken, Ideen und Wünschen für ihr Business an. Das imponierte mir von Anfang an und der Wunsch, eine ähnliche Form von Thinkweek oder, wie meine liebe Kollegin Gerlinde es bezeichnete, eine Kreativklausur zu machen, wurde immer größer. Ich beschloss, meine Woche sowohl privat als auch beruflich zu nutzen, mehr auf meine Bedürfnisse zu schauen, aber auch die meiner Kundschaft im Blick zu behalten. Die Zeit sollte für Klarheit sorgen und auf meiner Businessfoto-, Foto/Kreativworkshop-, und privaten Ebene Ordnung hineinbringen. Mit kamen neben Klamotten und dem üblichen Reisekram einige Bücher, kleine wenige Tools zum Collagen machen und zwei Notizbücher, ein Journal für mein privates Ich und ein Buch für mein selbständiges Ich.

Neben ausgedehnten Spaziergängen, Zeit allein in der Hängematte im großen Garten oder Serien glotzen im Wohnwagen, nahm ich meine Notizen der letzten Monate, Instagram Umfragen, Feedbacks und Nicht-Buchungen ganz genau unter die Lupe. Ich schaute mir meine Websiten-Texte in aller Seelenruhe an und legte radikal den Rotstift an. Dabei ging ich mit mir und meinen Angeboten hart ins Gericht, aber konstruktiv und mit einem klaren Blick, der mir im Alltagsstress oft verwehrt bleibt.

Immer wieder zum Fluss zu spazieren, für mich zu fotografieren, kreative Schreibübungen zu machen, Gesprächsfetzen der Menschen in der Konditorei zu notieren und daraus Gedichte zu machen und so intensiv über meine Wünsche und Bedürfnisse nachzudenken, machten es für mich besonders einfach, mir auch über meine beruflichen Ziele und Wünsche klarer zu werden. Das funktionierte vor allem gut im Wechsel. Mal kam das eine Notizbuch dran, mal das andere, mal wurde eine schnelle Collage ins Journal geklebt, mal Mindmaps ins pinke Businessbuch gezeichnet.


Neben der Ruhe, die ich in dem Urlaub für mich entwickelt habe, habe ich vor allem gelernt, wie voll mein Werkzeugkoffer bereits ist. In den letzten sechseinhalb Jahren Selbständigkeit durfte ich unglaublich viel lernen, über mich, meine Angebote, meine Identität als Cori und als Selbständige. Und je klarer ich mir darüber werde, wer ich bin, desto klarer werden auch meine Angebote. Zumindest fühlt sich das für mich so an. Ich biete mittlerweile nur noch Dinge an, die ich auch selbst buchen würde und das fühlt sich einfach stimmig an. Ich stehe zu hundert Prozent hinter dem, was ich mache. Und im nächsten Jahr hoffe ich, das noch besser transportieren und kommunizieren zu können. Mir ist bewusst, dass so ein Solotrip ein wahnsinniges Privileg ist. Lange Jahre war es undenkbar für mich, eine solche Reise anzutreten. Nicht nur finanziell, sondern auch psychisch und körperlich. Dass das ohne Probleme, ohne Crashs und weitestgehend ohne Angst funktioniert hat, ist für mich ein Riesenerfolg.
Und, würdest du so einen Solotrip empfehlen?
“Und, würdest du so einen Solotrip empfehlen?”, haben mich viele Menschen im Umfeld gefragt. Zu hundert Prozent!!! Mir ist bewusst, wie schwer es für die meisten Menschen ist, sich fünf Tage auszuklinken und allein wegzufahren. Aber wenn es zeitlich, ressourcentechnisch, finanziell, mental und körperlich irgendwie machbar ist, vielleicht auch nur in einer abgespeckten Form, do it! Ich hatte jahrelang das Gefühl, einen solchen Urlaub nie machen zu können und bin gerade deshalb so glücklich, erleichtert und stolz, dass ich es gewagt habe. Es hat sich auf so vielen Ebenen gelohnt und am Ende hätte ich am liebsten noch ein paar Tage drangehängt, so wunderbar war es. Selbst die Walnüsse, die zu jeder Tages- und Nachtzeit vom Baum auf meine Wohnwagendecke fielen und die Äste, die an den Wänden schrammten, machten mir nichts aus.

Was übrig bleibt sind neben seitenlangen Texten, Mindmaps und Listen, Korrekturen und Skizzen, unter anderem diese beiden Gedichte:
An der Donau
Leichte Wellen
Ein Ast wird von ihnen getragen
Heller Kies, der vorgibt eine Sandbank zu sein
Leichte Wellen
Der Schatten des Strauchs bewegt sich im Wind
Die Bäume entsättigt, noch nicht im Herbst angekommen
Leichte Wellen
Ein Ast wird von ihnen getragen
Im Donau Cafè
Wir hoidn zsamm.
Oooh, da Karli kummt!
Min Radl.
Wir hoidn zsamm.
A großes Bier, bitte.
Jetz hob i an Duascht.
Wir hoidn zsamm.
Oooh, da Karli kummt!
Übersetzung:
Wir halten zusammen.
Oooh, der Karli kommt!
Mit dem Fahrrad.
Wir halten zusammen.
Ein großes Bier, bitte.
Jetzt hab ich einen Durst.
Wir halten zusammen.
Oooh, der Karli kommt!
Aber es bleiben auch Erinnerungen an Lichtspiele, Momente und Dialoge übrig, die nur ich wahrgenommen habe, eine riesige Ausbeute an Geschichten, die ich seit Wochen nacherzähle und auch in Texten verarbeite. Genauso wie eine beruhigende Klarheit darüber, was ich brauche, was mir wichtig ist, was im neuen Jahr gehen darf und was unbedingt bleiben soll und allem voran das Gefühl, dass ich das allein geschafft habe! Besser geht's nicht.



