Achtsamkeit als Rettung vom Burnout
- Corinna Radakovits
- 21. Jan.
- 8 Min. Lesezeit
Warum Achtsamkeit mir wichtig ist, welche Tools mir auf meinem Weg aus dem Burnout geholfen haben und 5 Tipps für achtsamere Momente für dich
Achtsamkeit hier, mindfulness dort – seit vielen Jahren kommt man an diesen Begriffen, gerade auf Social Media, kaum vorbei. Wenn wir dem Algorithmus einmal beigebracht haben, dass wir zum Beispiel gerne Yoga machen, werden wir überschwemmt mit achtsamen Tools, Workbooks und Reflexionsfragen. Noch vor zehn Jahren wollte ich damit wirklich gar nichts zu tun haben. Ich hielt mich für unverwundbar, stehe Trends grundsätzlich ein bisschen skeptisch gegenüber und habe aufgrund meiner Biografie eine gewisse Abneigung gegen alles was esoterisch anmutet. Vor allem wenn FLINTA verkauft wird, sie wären selbst für ihre systematische Ungleichbehandlung verantwortlich, stellen sich mir die Haare auf. Und trotzdem biete ich heute Workshops mit dem Fokus auf Achtsamkeit an. Wie geht das zusammen?
Von anti-mindful zu alles mindful
Die maßgeblichen Jahre der Veränderung gingen 2016 los. Nach 15 Jahren Gastronomie neben meiner Schul- und Studienzeit fing ich zum ersten Mal Vollzeit als Fotografin an zu arbeiten. Ich wusste schon, dass es nicht der prestigeträchtigste Job werden würde. Dass ich aber so ausgebeutet und ausgenutzt werden würde, hatte ich nicht kommen sehen. Die drei Jahre in einem Fotostudio kommen mir im Nachhinein vor wie ein einziger Fiebertraum. 42 Stunden pro Woche, 30 Minuten pro Shooting, 30 Minuten für die Bildauswahl und das ganze Spiel von vorne, Dienste bis 21.00, jedes Wochenende Arbeit und das Ganze für den Mindestlohn in einem Einkaufszentrum ohne frische Luft oder Tageslicht. Der perfekte Ort für eine undiagnostizierte ADHSlerin, die grundsätzlich ein erhöhtes Stressrisiko mitbringt. Zum Glück hatte ich ein großartiges Team an meiner Seite, meinen wunderbaren Chef und Mentor, von dem ich so viel lernen durfte und der mir alles über das Lichtsetzen beigebracht hat, das ich heute beherrsche. Aber auch ein angenehmes Arbeitsumfeld kann die Dauerbelastung auf Dauer nicht abfangen. Nach Monaten im Ausnahmezustand in denen ich mehr krank als gesund war, zog 2019 mein Hausarzt für mich die Reißleine und ich war insgesamt für ein dreiviertel Jahr krankgeschrieben. Darüber schreibe ich in diesem Blogartikel ausführlicher.

Was danach passierte fühlte sich an wie neu leben zu lernen. Als würde ich wieder lernen zu laufen, versuchte ich Schritt für Schritt zurück ins Leben zu tapsen. Ich nutzte die Zeit intensiv dafür herauszufinden, was zu diesem Burnout geführt hat und wie ich meinen Alltag radikal verändern kann, damit mir das nicht wieder passiert. (Spoiler: It happened again. Es war ein langer, komplexer Weg, aus diesem Zustand wieder rauszukommen und Rückschläge sind Teil davon.)
Nun war ich also erstmals konfrontiert mit Begriffen wie Burnoutprävention, Meditation, Achtsamkeit und Stressmanagement, musste Stück für Stück meine eigenen Vorbehalte loswerden und mich selbst dafür zu öffnen, um für mich sorgen zu können. Heute blicke ich zurück und muss darüber schmunzeln, wie sehr ich damit gehadert habe und wieviel es mir abverlangt hat. Heute sind viele der Praktiken bereits in Fleisch und Blut übergegangen. Ich nehme viele davon gar nicht mehr als etwas wahr, das ich bewusst machen muss. Um auf meine Ressourcen und damit auf mich zu achten, ist mein Alltag so strukturiert, dass ich meine Bedürfnisse möglichst im Blick behalte. Für meine Gesundheit. Für mich.
Fast sieben Jahre später und auch wenn ich nicht die alte Cori bin, bin ich zu einer klareren, ruhigeren Version von mir geworden. Man könnte sagen: Ich bin zu einer achtsameren Cori geworden. Darauf bin ich sehr stolz.
Jetzt wirst du vielleicht denken: Das betrifft mich nicht. Ich bin bereits ein achtsamer Mensch. Vor allem als Fotograf*in definiert man sich schnell darüber, wie aufmerksam man ist, verwechselt Aufmerksamkeit mit Achtsamkeit oder denkt: Ohne Achtsamkeit keine guten Fotos. Oder?
Ich wünschte es wäre so einfach.
Ja, ich habe immer schon viele Details gesehen, die andere Menschen oft nicht wahrgenommen haben. Ja, beruflich war ich immer schon sehr engagiert, sehr genau, vorbildlich und immer mit einem Rundumblick unterwegs. Heute weiß ich auch warum.

Aber wovor mich all das nicht schützen konnte, war mein Hang zum zu viel: zu viel arbeiten, zu viel unter Menschen sein, zu viele Termine. Je mehr, desto besser! Mein Drang, alles zu vermerken, mir alles merken zu wollen und die Angst vor dem Vergessen. Meine Tendenz mich zu verausgaben, ob im Arbeitsleben oder privat. On top kam noch eine permanente Überforderung mit so vielen Eindrücken, so vielen Geräuschen, Gedanken und Gefühlen, die ich aber erst aus heutiger Sicht so bezeichnen kann. 36 Jahre undiagnostiziert durch das Leben zu laufen kann leider zur Folge haben, dass man sich an jeden Wahnsinn gewöhnt und gar nicht sieht, dass man ein Problem hat, weil für mich all das ein normaler Dauerzustand war. Ich kannte es nicht anders.

Ein Absturz war gewissermaßen vorprogrammiert. Er traf mich so hart, dass ich zum ersten Mal keinen Platz mehr für Angst hatte. Jahrelang hatte ich mit Angststörungen zu kämpfen, aber an diesem Punkt war ich selbst dafür zu schwach. Mich schmerzt das aus heutiger Sicht, auf mein altes Ich zurückzublicken. Ich spürte nichts mehr und demnach auch nicht, wie schlecht es mir ging. Aber retrospektiv fällt es mir auf. Wenn die Sache irgendetwas Gutes hatte, dann dass die fehlenden Sorgen dazu geführt haben, dass ich mich nach Jahren wieder etwas getraut habe. Ohne Angst begann ich zum ersten Mal in meinem Leben mir existenzielle Fragen zu stellen, über Wünsche und Träume nachzudenken, mir meiner Bedürfnisse klarer zu werden. Das hatte ich davor noch nie gemacht. Und so kam auch mein Entschluss mich selbständig zu machen.
Deshalb mache ich heute, was ich mache, und biete allerhand achtsame Angebote an. Weil sie meine Rettung war. Sie hat mir beigebracht, meinen Fokus zu verschieben, mich auf Dinge aufmerksam gemacht, die ich im hochfunktionalen, aber unglaublich belastenden Alltag schon lange nicht mehr wahrnehmen konnte. Ich war blind für alles schöne um mich herum geworden und durfte es wie ein Kind wieder lernen zu entdecken. Dieser achtsame Blick ist mir zum Glück erhalten geblieben, weil ich mich versuche jeden Tag daran zu erinnern, wo ich nie wieder hinwill. Ich denke daran, was ich monatelang, jahrelang nicht sehen konnte, wie dumpf sich alles angefühlt hat und wie sehr ich die Lust am Leben verloren hatte. Ich erinnere mich daran, was der achtsame Blick auf das Leben für eine Wirkung haben kann, und dann verschiebt sich mein Fokus ganz von allein.

Bei der Auswahl fünf Punkte auszusuchen, die den Blick achtsamer werden lassen, habe ich mich sehr geplagt. Es gibt nun mal kein Geheimrezept und achtsam wird man leider auch nicht von heute auf morgen, auch nicht nach einer Woche oder einem Monat. Deshalb habe ich mich für Tipps entschieden, die mir in letzter Zeit untergekommen sind und mich berührt haben oder die mich schon lange umtreiben.
Wenn du also das Gefühl hast, ein bisschen Fokusverschiebung im Alltag könnte dir helfen, dann habe ich hier fünf Tipps für dich. Je öfter du sie wiederholst, desto mehr werden sie zur Routine und können langfristig wirklich etwas verändern.
5 Tipps für einen achtsamen Moment
Photography is the art of loving something enough to pause time for it, habe ich neulich auf Instagram gelesen. Leider konnte ich nicht herausfinden, von wem es stammt. Das ist Achtsamkeit in so einer schönen Form. Ich liebe es! Mach das nächste Mal, wenn dir etwas Schönes, Berührendes auf deinen Wegen auffällt eine klitzekleine Pause und schau es für ein paar Sekunden an. Vielleicht machst du auch ein Foto davon.

Fokus verschieben
Wir Menschen nehmen Negatives schneller wahr und es bleibt auch eher an uns haften als Positives. Deshalb zwinge ich mich – vor allem wenn es mir gerade nicht gut geht – regelrecht dazu, den Fokus auch auf Positives zu richten, weil wir damit unser Gehirn austricksen können. Notiere dir heute 3 positive Dinge, die dir untergekommen sind oder fotografiere sie. So schulst du deinen Fokus und dir werden mit der Zeit immer mehr positive Dinge auffallen.
Dankbarkeit formulieren
Wenn du nicht wie ich seit Jahren in der Achtsamkeitsbubble unterwegs bist, stellen sich dir jetzt vielleicht die Haare auf. Was sollen wir denn noch alles tun? I feel you! I’ve been there. Vielleicht hilft es dir, wenn du weißt, dass es zur Burnoutprävention gehört, dir bewusst zu machen, wofür du dankbar bist. Unser Nervensystem kann sich nicht immer selbst regulieren. Manchmal braucht es Hilfe. Und Dankbarkeit zu praktizieren kann über einen längeren Zeitraum sehr dabei helfen, ein positives Gefühl zur Welt zu entwickeln. Ich glaube das können wir gerade alle gut brauchen!
Notiere dir heute 3 Dinge, für die du im Moment dankbar bist. Das kann das gute Mittagessen, ein lustiger Moment mit einer lieben Person oder ein gelungenes Foto sein. Fang klein an.

Langsam gehen
Manches klingt so banal und trotzdem ist es wahr. Wenn wir durch das Leben hetzen, können wir die kleinen Besonderheiten gar nicht wahrnehmen. Und trotzdem kenne ich kaum jemanden, der*die wirklich langsam durchs Leben stapft. Ich musste das auf die harte Tour lernen. Seit einigen Jahren kann ich gar nicht mehr so durch die Straßen flitzen wie früher. Doch diese Einschränkung hat mir und meiner Achtsamkeit in die Karten gespielt. Erst durch die Langsamkeit eröffnen sich im Alltäglichen neue Räume und man bemerkt Details, die zuvor unsichtbar waren.
Übe dich bei deinem nächsten Weg in Langsamkeit und geh zumindest ein paar Minuten lang in einem Tempo, sodass andere anfangen dich zu überholen. Ja, es wird sich ungewohnt und komisch anfühlen. Aber du wirst einen inklusiven Blick auf die Welt bekommen, indem du lernst, wie sehr sich andere Menschen permanent im Weg fühlen. Und du wirst staunen, was du alles entdeckst! Halte Ausschau und mach Fotos von den Kleinigkeiten, die du plötzlich wahrnimmst.

Community
In einer Welt, in der wir gerade mit Katastrophen überflutet werden sollen, damit wir uns ohnmächtig und allein fühlen ist community ein so hohes Gut. Schließ dich zusammen, schreib deiner besten Freundin heute noch eine Nachricht, lade öfter mal deine Familie ein, wenn du – wie ich – bislang immer darauf gewartet hast, dass sie dich sicher von sich aus besuchen werden (Bussi an die family, nichts für ungut! Ich liebe euch trotzdem.). Ich weiß, es ist im Alltag nicht immer leicht, alle Dinge unter einen Hut zu bringen, vor allem wenn du Carearbeit zu leisten hast. Wir dürfen (und sollten aus meiner Sicht) deshalb auch für das Planen und Ausmachen von privaten Terminen Zeit im Kalender blockieren. Wenn ich mir keine Zeit für Planung im Kalender freihalte, dann plane ich auch nicht und das heißt im schlimmsten Fall, dass ich auch niemanden treffe. Seit ich aber auch dafür meine Zeitblöcke - und einen großen privaten Wandkalender mit einer guten Übersicht - habe, respektiere ich sie öfters und versuche einmal im Monat einzuchecken, ob ich zum Beispiel zu viel allein war, wen ich schon lange nicht mehr gesehen und gehört habe und zwinge mich dazu, mich zu melden.
Let’s stay connected!
Wenn du Community im Kreativen erleben willst, ist vielleicht der zweiteilige Foto-Schreibworkshop "Ich bin." etwas für dich. Gemeinsam mit Schreibnomadin Gerlinde Schwarz wollen wir online einen Raum schaffen, indem du dich austauschen, etwas über das Personal Writing und das Achtsame Fotografieren lernen und dir und anderen damit ein Stück näherkommen kannst.

Disclaimer & Tipps bei Stress und Burnoutanzeichen
Dieses sehr persönliche Achtsamkeits-Einmaleins entstammt meiner eigenen individuellen Geschichte. Ich bin weder Achtsamkeitstrainerin, noch habe ich eine psychotherapeutische Ausbildung. Ich teile hier nur meinen eigenen Weg und hoffe, dass die ein oder andere Sache mit dir resoniert.
Wenn das nicht der Fall ist oder sich die Tipps nach Stress anfühlen, ignoriere sie. Diese Gefühle von Stress können auch ein Anzeichen für eine Überlastung im Alltag sein. Vielleicht kannst du darüber mit Profis sprechen, die dir dabei helfen können. Das kann dein*e Hausärzt*in oder Therapeut*in sein oder aber in Extremsituationen der Psychosoziale Notdienst.
Der ÖGB hat hier eine tolle Broschüre zum Thema Burnout herausgegeben, in der die 12 Stadien bis zum Burnout einfach wiedergegeben sind, um eine kleine Einordnung zu haben. Von Ein guter Plan habe ich viel über Burnoutprävention gelernt und die umfangreichen Reflexionsfragen am Anfang des Kalenders helfen mir jedes Jahr in den Start ins neue Jahr. Außerdem empfehle ich die 7Mind App - vor allem für alle von euch, die aus Deutschland mitlesen. Dort kannst du einen Kurs namens Achtsamkeitsbasiertes Stressmanagement absolvieren und die Kosten für die Meditationsapp von deiner deutschen Krankenkasse rückerstatten lassen. Das hab ich damals gemacht, als ich noch in Berlin gelebt habe. Ansonsten hilft mir die Headspace App jede Nacht beim Einschlafen und mit angeleiteten Meditationen.
Keine bezahlte Werbung, aber Werbung aus tiefer Überzeugung.

