Alles neu macht der März - Vom Aufwachen und Neuentdecken
- Corinna Radakovits
- vor 1 Tag
- 4 Min. Lesezeit
Der März steht für mich jedes Jahr für eine Zeit des Umbruchs, des Aufwachens aus dem Winterschlaf, aus meinem eigenen Gedankenkreisen und des Neuentdeckens. Auch in diesem Jahr hat der März mich nicht mit seinen Irrungen und Wirrungen verschont. Emotional habe ich in diesem Monat alle Level und Intensitäten durchgespielt. Was mir Halt gibt, sind Inspiration, Zusammensein und der Mut Neues zu wagen.
Aber wie genau hat das ausgeschaut? In diesem Monat waren meine Themen vor allem Gefühle zulassen, zurück und nach vorne schauen und Entwicklungen wahrnehmen, sie schätzen und die klitzekleine Frage, wer ich bin und wer ich überhaupt sein will. Mit solchen identitätsstiftenden Fragen im Gepäck läuft es sich nicht immer leichtfüßig durch die Tage. Ich habe mir die Frage nicht von mir aus selbst gestellt, sondern sie hat sich mir geradezu aufgedrängt. Ein unangenehmer Zeitgenosse, der sich wie eine Klette über mehrere Wochen an mein Bein geklebt hat.
Wer bin ich und wer will ich überhaupt sein?
Wie kam es dazu? Begonnen hat alles mit dem Finale meines Fotomentorings “Powerful through the winter” Anfang März. Dabei habe ich gemeinsam mit den Teilnehmenden den Winter verabschiedet. Mit den Fotos, die in den acht Wochen zuvor entstanden sind, konnte jede Person ihr persönliches Visionboard zum Thema “Was brauche ich für 2026?” gestalten. Und die Ergebnisse haben mich zu Tränen gerührt! Jedes einzelne Board steht für sich. Die Vielseitigkeit und die verschiedenen Herangehensweisen haben mich wieder einmal sprachlos gemacht und ich könnte nicht stolzer auf jede einzelne Person in diesem Kurs sein, dass sie sich die Mühe gemacht, sich darauf einzulassen und das Ergebnis sogar mit den anderen zu teilen.


Am aufregendsten war es in diesem Jahr aber für mich, mein eigenes Board zu besprechen. Ich war tatsächlich sehr in the moment beim Gestalten, was als Vortragende gar nicht einfach zu erreichen ist. Erst bei der Präsentation habe ich bewusst wahrgenommen, welche Bilder ich überhaupt ausgewählt und wie ich sie kombiniert hatte. Die Teilnehmerinnen durften also mit ihrer eigenen, persönlichen Interpretation loslegen und trafen damit genau ins Schwarze. Ich war platt, geradezu wortkarg – ein seltenes Phänomen -, und überwältigt davon, wie andere sofort sehen, was mich gerade beschäftigt und wohin ich hinwill. An dieser Stelle tausend Dank für euren Mut, alles auszusprechen und eure Gedanken zu teilen! Das kann so heilsam sein und diesmal durfte ich es sogar selbst spüren.

Mit diesen Bildern, dieser Vision und vielen Gedanken hattee ich mich also in den März gestürzt. Ich war einerseits voller Tatendrang – vor allem dank der immer frühlingshafteren Temperaturen – und andererseits merkte ich, dass ich Probleme hatte, alles zu machen, was ich mir vorgenommen hatte. Meine Tage waren dicht und mein Körper wollte einige Male nicht so, wie ich es gerne wollte. In diesen Erschöpfungsphasen tue ich mir besonders schwer. Ich bin gerne in Bewegung, definiere mich - leider immer noch zu häufig - darüber, was ich alles mache und leiste, egal ob beruflich oder privat. Ich bin eine neugierige Person und gerne unter Menschen. Doch auch wenn es mir inzwischen immer besser gelingt, Nein zu allem, was schön ist zu sagen, wenn ich merke, dass gerade nichts mehr geht, bin auch ich nicht davor gefeit, mich nicht schlecht zu fühlen, während ich völlig erschöpft auf dem Sofa liege.

Während ich also viel Zeit in Ruhe mit mir und in meinem Kopf verbrachte, dachte ich viel über meine älteren Ichs nach. Das liegt zum einen daran, dass ich eine Einladung für mein zwanzigjähriges Maturatreffen bekommen habe, zum anderen, dass in der gleichen Woche ein Klassentreffen mit meiner Fotoklasse stattfand. Bei ersterem war mir klar, dass ich Nein sagen werde, denn die Schulzeit gehört zu einer sehr dunklen Zeit in meinem Leben und zu niemandem aus meiner Klasse habe ich heute noch Kontakt. Die Kolleg*innen aus meiner Fotoausbildungszeit wollte ich aber unbedingt wiedersehen. Doch mein Körper streikte und ich musste last minute absagen. In dieser Zeit des Herumliegens, in alten E-Mail-Postfächern Herumwühlens und zu viel Nachdenkens sah ich mich mit der Frage konfrontiert, wer ich früher war und wer ich heute bin.
Wieviel von dem Menschen von damals steckt heute noch in mir? Wie froh bin ich, dass ich mich heute gar nicht mehr so fühle wie als siebzehnjährige? Spoiler: Sehr.
Ich habe nicht viele Erinnerungen an meine Jugend. Deshalb traf mich dieses Auffrischen meiner Erinnerungen heftig. Einige Tage ging es mir überhaupt nicht gut, so traurig war ich darüber, wie sehr ich als junger Mensch gelitten hatte, ohne die nötige Hilfe und Unterstützung zu bekommen. Aber ich war auch traurig und wütend über mich selbst, dass ich es nie geschafft hatte, um Hilfe zu bitten oder zumindest offen damit umzugehen, dass es mir nicht gut geht.
Wenn ich ehrlich bin, kann ich das erst seit ein paar Jahren halbwegs gut und diese letzten Jahre waren anfangs sehr davon geprägt, nicht das richtige Maß an Abgrenzung zu finden und sich auch einmal im Ton zu vergreifen. Als late diagnosed ADHD-person ist das wohl häufig so. Ich kann erst seit meiner Diagnose vor zwei Jahren die vielen Schichten des People Pleasings, des unbedingten Gemochtwerdens wie eine Archäologin von mir selbst abtragen, um Schritt für Schritt herauszufinden, welche Bedürfnisse darunter versteckt sind und herauszufinden, was mich ausmacht. Zu lange habe ich das gemacht, was mein Umfeld cool findet, mich angepasst und damit meine eigene Identität verschüttet. Es wird wahrscheinlich noch einige Jahre dauern, bis ich sie vorsichtig aus dem Schutthaufen befreit und sauber gemacht habe, um sie vollständig wahrzunehmen. Aber ich merke, dass ich auf dem besten Weg dorthin bin, und das fühlt sich unglaublich aufregend, ein bisschen angsteinflößend, aber hauptsächlich befreiend und schön an.

Warum jetzt? Darüber habe ich sehr viel nachgedacht und plötzlich fiel es mir wie Schuppen vor den Augen. Mir wurde auf einmal klar, dass auch dieses Thema mit Privilegien zu tun hat. Wer im Überlebensmodus ist, hat keine Zeit, keine Ressourcen, keine Kraft und keinen Spielraum zu experimentieren, zu erkunden, die Welt, sich selbst, das Umfeld zu prüfen und besser kennenzulernen oder zu behaupten. Zu lange fehlten mir dafür die Kraft, die zeitlichen Ressourcen, der Raum, mich selbst in den Fokus zu nehmen und ein freier Kopf, um kreativ zu schöpfen und mich dadurch besser kennenzulernen. Umso dankbarer und erfüllter bin ich, dass ich es heute kann. Immer mit dem Wissen, dass es noch so viel zu lernen und neu zu entdecken gibt, zum Glück!


